Die Wächter der Erde - Die Wächter der Zukunft! Episode 10 Letztes Kapitel
- sabinekohlhepp
- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Viele Jahre waren vergangen, seit jener Nacht, in der Mira zum ersten Mal den Ruf des Waldes gehört hatte.
Die Jahreszeiten waren gekommen und gegangen, viele Winter hatten die Wälder mit Schnee bedeckt, viele Frühlinge hatten neue Blüten auf die Wiesen gebracht, und immer wieder hatte die Erde ihre uralte Geschichte weiter erzählt – durch den Wind, durch die Flüsse, durch das leise Wachstum der Bäume.
Mira war älter geworden.
Die Menschen im Dorf kannten sie inzwischen als eine Frau, die oft im Wald zu finden war, eine Frau, die lange lauschen konnte, bevor sie sprach, und deren Augen eine Ruhe ausstrahlten, die man nur bei Menschen sah, die gelernt hatten, mit der Erde zu leben, statt gegen sie.
Doch obwohl viele Jahre vergangen waren, kehrte Mira immer wieder an denselben Ort zurück.
Die Lichtung.
Dort, wo alles begonnen hatte.
An einem warmen Nachmittag saß sie wieder am Rand des Waldes, und das Sonnenlicht fiel durch die hohen Bäume wie goldenes Wasser, das langsam über das Moos floss.
Der Wald war ruhig.
Doch in dieser Ruhe lag etwas Vertrautes.
Etwas, das Mira schon lange kannte.
Sie schloss kurz die Augen.
Und sofort hörte sie ihn.
Den leisen Atem der Erde.
Den Wind in den Blättern.
Das ferne Rufen eines Vogels.
Und irgendwo weit draußen, jenseits der Berge und jenseits der Küsten, sang ein Wal sein tiefes Lied.
Mira lächelte.
Denn sie wusste, dass diese Stimmen niemals verschwunden waren.
Die Menschen hatten nur vergessen, ihnen zuzuhören.
In diesem Moment hörte sie Schritte auf dem kleinen Waldweg.
Ein Kind kam den Weg entlang.
Es blieb stehen und betrachtete Mira neugierig.
„Du sitzt hier oft“, sagte das Kind.
Mira öffnete die Augen und nickte langsam.
„Ja.“
Das Kind setzte sich neben sie ins Gras.
Eine Weile schwiegen sie.
Der Wind bewegte sanft die Blätter der Bäume.
„Meine Mutter sagt“, begann das Kind schließlich, „dass du die Tiere verstehst.“
Mira lächelte.
„Ich versuche es.“
Das Kind sah in den Wald hinein.
Zwischen den Baumstämmen bewegte sich etwas.
Ein Hirsch trat aus dem Schatten der Bäume.
Er blieb stehen und blickte ruhig in ihre Richtung.
Das Kind staunte.
„Ist das einer der Wächter?“
Mira sah lange in den Wald.
Dann sprach sie langsam.
„Die Wächter der Erde sind überall.“
Das Kind runzelte die Stirn.
„Aber wo genau?“
Mira hob ihre Hand.
Sie zeigte zum Himmel.
Ein Adler kreiste hoch über den Baumwipfeln, getragen vom warmen Wind.
„Dort“, sagte sie ruhig.
Dann zeigte sie auf den Wald.
Der Hirsch stand noch immer zwischen den Bäumen, und ein Fuchs huschte lautlos durch das Unterholz.
„Und dort.“
Dann zeigte sie auf den Boden.
Eine Biene summte über einer Blume.
„Und dort.“
Das Kind sah sich um.
„Also sind sie überall?“
Mira nickte.
Doch dann legte sie ihre Hand sanft auf das Herz des Kindes.
„Und auch hier.“
Das Kind sah sie überrascht an.
„In mir?“
Mira lächelte.
„Jeder Mensch wird als Wächter der Erde geboren.“
Der Wind strich durch die Bäume, als würde der Wald diese Worte begrüßen.
Das Kind dachte lange nach.
„Aber viele Menschen sind keine Wächter“, sagte es schließlich.
Mira nickte langsam.
„Viele Menschen haben vergessen, wer sie sind.“
Sie sah hinaus über die Wiesen.
„Doch Erinnerungen sind wie Samen.“
Das Kind sah sie an.
„Samen?“
Mira nickte.
„Ja.“
„Wenn ein Mensch beginnt, die Erde wieder zu achten, ist das ein Samen.“
„Wenn jemand einen Baum pflanzt, ist das ein Samen.“
„Wenn jemand ein Tier rettet oder einem Fluss wieder zuhört, ist das ein Samen.“
Sie lächelte sanft.
„Und wenn jemand eine Geschichte hört, die sein Herz berührt…“
„…ist auch das ein Samen.“
Das Kind sah auf seine Hände.
„Und was passiert mit diesen Samen?“
Mira sah in den Himmel.
Der Adler zog noch immer seine Kreise.
„Sie wachsen.“
„Manchmal langsam.“
„Manchmal unsichtbar.“
„Aber irgendwann werden sie zu etwas Größerem.“
Der Wind wurde stärker.
Die Blätter der Bäume rauschten wie ein leises Lied.
Und dann geschah etwas.
Die Stimme von Mutter Erde erhob sich ein letztes Mal.
Sie kam aus den Wurzeln der Bäume.
Aus dem Boden unter ihren Füßen.
Aus dem Wind.
„Meine Kinder“, sagte sie mit einer Stimme voller Wärme.
„Alles Leben auf dieser Erde ist ein Feld.“
„Und in diesem Feld werden Samen gesät.“
„Samen der Angst.“
„Oder Samen der Liebe.“
Der Wald lauschte.
„Was ihr sät, werdet ihr ernten.“
„Doch erinnert euch an etwas Wichtiges.“
Die Stimme wurde sanfter.
„Erkenntnisse sind auch Samen.“
„Wissen ist ein Samen.“
„Mitgefühl ist ein Samen.“
„Und Hoffnung ist ein Samen.“
Mira spürte, wie sich ihr Herz weit öffnete.
Die Stimme von Mutter Erde sprach weiter:
„Wenn ihr diese Samen in euren Herzen pflanzt, werden sie wachsen.“
„Und eines Tages werden die Wälder wieder dichter sein.“
„Die Flüsse klarer.“
„Die Tiere sicherer.“
„Und die Herzen der Menschen ruhiger.“
Der Wal sang.
Der Adler rief.
Die Biene summte.
Und Mira wusste, dass die Geschichte der Wächter der Erde niemals wirklich enden würde.
Denn sie lebte nun in den Herzen der Menschen weiter.
Das Kind sah Mira an.
„Also kann ich auch ein Wächter werden?“
Mira lächelte.
„Du bist es bereits.“
Der Wind rauschte durch die Bäume.
Und irgendwo weit draußen im Meer sang ein Wal.
✨
Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen des letzten Kapitels.
Herzlichst deine
Sabine Kohlhepp
TCM Therapeutin & Autorin




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