Die Wächter der Erde - Die Aufgabe der Menschen! Episode 5
- sabinekohlhepp
- 22. März
- 4 Min. Lesezeit

Die Nacht lag still über der Lichtung, doch es war keine gewöhnliche Stille. Es war jene tiefe, geheimnisvolle Ruhe, die entsteht, wenn etwas Großes gesprochen werden will und selbst der Wind zwischen den Bäumen innehält, um zuzuhören.
Mira stand noch immer mitten in dem Kreis der Tiere, und obwohl sie spürte, dass sie sich in einer Welt befand, die weit über das hinausging, was sie jemals zuvor erlebt hatte, fühlte sie keine Angst. Stattdessen breitete sich in ihr ein Gefühl aus, als würde ihr Herz langsam beginnen, eine Wahrheit zu verstehen, die schon immer in ihr geschlummert hatte.
Der Hirsch trat nun wieder ein wenig näher zu ihr, und sein Geweih fing das Mondlicht so ein, dass es wirkte, als würde darin ein sanftes, goldenes Feuer brennen.
„Du hast gehört, wie die Tiere sprechen“, sagte er mit einer Stimme, die zugleich ruhig und unendlich alt klang, „und du hast gehört, wie Mutter Erde selbst zu uns gesprochen hat. Doch es gibt noch etwas, das du verstehen musst, etwas, das viele Menschen längst vergessen haben.“
Mira blickte in seine Augen, in denen sich der ganze Himmel zu spiegeln schien.
„Was ist es?“, fragte sie leise.
Der Hirsch hob langsam seinen Kopf und ließ seinen Blick über die Lichtung wandern, als würde er jedes der Tiere um sich herum ehren, bevor er weiter sprach.
„Die Tiere sind Wächter der Erde“, sagte er schließlich. „Wir tragen das Gleichgewicht der Wälder, der Meere, der Berge und der Wiesen. Doch wir können die Erde nicht allein schützen.“
Mira runzelte leicht die Stirn, denn diese Worte verwirrten sie.
„Aber ihr seid doch so viele“, sagte sie vorsichtig. „Ihr seid stark, und ihr lebt schon viel länger auf dieser Erde als wir Menschen.“
Da trat der Wolf aus dem Schatten, seine Bewegungen waren so ruhig und würdevoll, dass Mira spürte, wie tief seine Verbindung zur Erde war.
„Stärke allein genügt nicht“, antwortete der Wolf mit seiner tiefen, rauen Stimme. „Wir Wölfe halten das Gleichgewicht der Wälder, indem wir die Herden führen und die Schwachen aussondern, doch wir entscheiden nicht über das Schicksal der ganzen Erde.“
Die Biene flog einen kleinen Kreis über Miras Kopf und ließ sich dann sanft auf einer Blüte nieder.
„Wir tragen das Leben von Blume zu Blume“, summte sie, „doch wir entscheiden nicht, wie Felder angelegt werden oder welche Pflanzen wachsen dürfen.“
Der Wal sang erneut, und sein Lied war so tief und weit, dass Mira für einen Moment glaubte, sie würde das Rauschen der Ozeane hören.
Dann sprach auch er, und seine Stimme klang wie das Echo eines uralten Meeres.
„Unsere Lieder tragen die Erinnerung der Erde durch die Ozeane, und wir verbinden die Strömungen der Welt, doch wir entscheiden nicht, wie die Menschen ihre Netze auswerfen oder wie laut ihre Schiffe die Meere durchschneiden.“
Der Adler, der bisher hoch oben auf einem Ast gesessen hatte, breitete nun seine großen Flügel aus und ließ sich lautlos auf einem Stein in der Nähe nieder.
Seine Augen waren klar wie der Morgenhimmel.
„Wir sehen das große Muster“, sagte er mit ruhiger Weisheit, „doch wir können nicht entscheiden, welchen Weg die Menschen gehen.“
Mira hörte all diese Stimmen, und langsam begann sie zu verstehen, worauf die Tiere hinaus wollten.
„Ihr meint…“, sagte sie vorsichtig, „dass die Menschen etwas tun müssen?“
Der Hirsch nickte langsam.
„Ja“, sagte er. „Denn nur der Mensch besitzt eine Gabe, die kein anderes Wesen auf dieser Erde in gleicher Weise hat.“
Die Katze, die bisher still im Schatten gesessen hatte, öffnete nun ihre leuchtenden Augen und sprach mit einer Stimme, die weich und geheimnisvoll klang.
„Ihr Menschen habt die Gabe der Wahl.“
Der Wind bewegte die Blätter der Bäume, und wieder begann der Boden unter Miras Füßen sanft zu pulsieren.
Mutter Erde sprach erneut.
„Meine Tochter“, sagte sie mit einer Stimme, die zugleich unendlich sanft und unendlich kraftvoll war, „die Tiere leben in meinem Rhythmus. Sie folgen den Jahreszeiten, den Strömungen des Wassers, dem Wandel der Sonne und dem Flüstern des Windes.“
Die Stimme wurde tiefer.
„Doch der Mensch hat etwas anderes erhalten.“
Mira kniete sich langsam auf den Boden und legte ihre Hand auf das weiche Moos.
„Was?“, flüsterte sie.
Die Antwort kam aus allen Richtungen zugleich.
„Freiheit.“
Der Hirsch sprach weiter.
„Ihr Menschen könnt entscheiden, ob ihr zerstört oder beschützt.“
Der Wolf fügte hinzu:
„Ihr könnt entscheiden, ob ihr Angst oder Mut wählt.“
Die Biene summte:
„Ihr könnt entscheiden, ob ihr nehmt oder auch gebt.“
Der Wal sang:
„Ihr könnt entscheiden, ob ihr vergesst… oder euch erinnert.“
Mira spürte plötzlich eine Wärme in ihrer Brust, als würde etwas in ihrem Herzen aufleuchten.
„Und wenn wir uns erinnern?“, fragte sie leise.
Da sprach Mutter Erde erneut, und diesmal war ihre Stimme so warm und voller Hoffnung, dass Mira das Gefühl hatte, von einer unsichtbaren Umarmung umgeben zu sein.
„Dann beginnt Heilung.“
Der Wind strich durch die Lichtung.
Die Blätter der Bäume rauschten leise.
Der Wal sang ein neues Lied.
Und Mira verstand plötzlich etwas, das sie vorher nicht begriffen hatte.
Die Zukunft der Erde lag nicht allein in den Händen der Tiere.
Sie lag auch in den Händen der Menschen.
Und vielleicht, dachte Mira, war genau das der Grund, warum die Tiere sie gerufen hatten.
✨ Fortsetzung morgen
Cliffhanger:Doch in der nächsten Nacht wird Mira erfahren, warum die Tiere trotz all der Veränderungen auf der Erde die Hoffnung auf die Menschheit noch immer nicht verloren haben.
Viel Freude beim Lesen.
Herzlichst deine Sabine Kohlhepp




Kommentare